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Die erste Fahrt auf der oldenburgischen Eisenbahn

Ein Korrespondent der Bremer Weser-Zeitung berichtet von der Eröffnung der Bahnlinie Bremen – Oldenburg – Heppens am 14. Juli 1867

Die Probefahrt, welche auf Veranstaltung der Oldenburgischen Eisenbahn-Direction Sonn­tag, den 14. Juli, stattfand, war vom heitersten Wetter begünstigt. Gegen 8 Uhr fuhr die aus der Fabrik von Richard Hartmann in Chemnitz hervorgegangene Locomotive „Stadland” mit einem Zug von sieben Wagen (einem Güterwagen und sechs Personenwagen theils dritter, theils erster und zweiter Classe) in den Bremer Bahnhof ein. Hier fand jedoch keine weitere Begrüßung der oldenburgischen Gäste statt, vielmehr stiegen die bremischen und sonstigen aus­wär­tigen Theil­nehmer sofort mit in den Zug, welcher nun zunächst auf der Weser­bahn und -Brücke zum Bahnhof Neustadt fuhr. Pünktlich 8 ½ Uhr dampfte dann der erste Perso­nenzug auf der neuen Bahn vor­wärts …

Die letzte Station ist Wüsting, von da läuft die Bahnlinie in schnurgerader Richtung auf Olden­burg. Hier überschreitet sie die Hunte auf einer mit einem eisernen Drehjoche verseh­enen Holz­brücke von 160 Fuß Licht­weite und erreicht jenseits sogleich den Bahnhof. Als proviso­ri­sches Bahnhofs­gebäude ist ein geräumiger Güter­schuppen eingerichtet, der an der Bahn­seite mit einem über­dachten Holzperron versehen ist. Nach kurzem Aufenthalt wurde die Fahrt auf der Bahn nach Heppens fortgesetzt, das jetzt erst einige 20 Häuser zählt, meist fiscalische Gebäude. In einem geräumigen Schuppen war ein copiöses Frühstück von unseren preußischen Gastfreunden hergerichtet …

Hauptbahnhof von 1879
Nach 12 Jahren mit einen Güterschuppen als Provisorium wurde 1879 in Oldenburg dieser Bahnhof eröffnet. Der Baustil, der an eine mittelalterliche Burg erinnerte, war schon damals umstritten. „Ein langgestrecktes Ungetüm, das einem ästhe­tische Leibschmerzen verursacht”, meinte ein Zeitzeuge.

Gegen 4 Uhr langte der Zug wieder in Olden­burg an. Ganz Oldenburg schien sich aufge­macht zu haben, um den Zug zu sehen. Tausen­de von Menschen standen an den Straßen, an welchen der Zug vorüber fuhr, auf dem Perron und dem Platz vor dem pro­viso­rischen Bahn­hof. Die beiden ersten Gast­häuser Olden­burgs, „Zum Erbgroß­her­zog” und „Hotel de Russie”, haben sich bereits neue Omni­busse ange­schafft, die zur Auf­nahme der Passa­giere bereit standen. Für die Herren „vom Bau” und einige geladene Gäste fand ein Diner im Casino­saale statt; wir hatten nicht die Ehre, eine Einla­dung dazu zu empfangen.
 

Der heutige Tag ist für unser Nachbarland Oldenburg hochwichtig und wird mit Recht gefeiert. Mit der Fortführung der bisher in Bremen endenden Schienenstraße tritt dies Land endlich aus seiner Isolierung heraus. Es hat lange gewährt, ehe diese kleine Bahnstrecke von 6 Meilen zu Stande gekommen ist …

Hauptbahnhofshalle
Schon 1915 erhielt Oldenburg das heute noch vorhandene Bahnhofsgebäude. Die Verzierungen mit den ornament­artigen Fliesen wurden in den 1960er Jahren entfernt.
An den Häuschen rechts unten im Bild musste man noch in den 60ern „Bahnsteigkarten” vorzeigen, um die Bahnsteige betre­ten zu dürfen, also quasi Eintritt zahlen.

Die locale und provin­cielle Bedeutung der neu­en Bahn für Stadt und Herzog­thum Olden­burg ist offenliegend. In der Stadt Oldenburg sind die Anfänge einer Groß­industrie ver­tre­ten und in der Entwick­lung begriffen. Zwei Eisen­gieße­reien beschäf­tigten 1865 rund 200 Arbeiter und führten 48.616 Centner Roh- und Bruch­eisen aus; sie versandten 11.350 Ctr. grobe Guß­waaren. Die Warps­spinnerei versandte 1.158.000 Pfd. Garn und ver­brauch­te ca. 100.000 Ctr. Kohlen. Eine Glas­fabrik lieferte u. a. 1.520.000 Flaschen. Eine Stearin­fabrik ver­ar­bei­tete 6000 Ctr. Fett, eine Seifen­fabrik lie­fer­te 7500 Ctr. Fabrikat, und eine Brauerei braute 5000 Tonnen Lagerbier und 300.000 Flaschen Exportbier.
 

Ein Industrieplatz bedarf aber zu seiner Existenz das moderne Verkehrsmittel, die Eisen­bahn, ebenso nothwendig, wie es die Arbeitskraft der Dampf­maschine nicht entbehren kann. Gleiche Vor­theile wird die Eisen­bahn dem Klein­handel, der ländlichen Industrie und besonders auch der landwirt­schaftlichen Production zuwenden …

Auch wir in Bremen freuen uns daher nicht minder als die Oldenburger des neuen Impulses, welchen das heutige Ereigniß für die weitere Ausbildung des nordwest­deutschen Bahn­net­zes abgeben wird, und des leichteren und schnel­leren Verkehrs mit unseren Nachbarn, bequemer als ihn die Post­kutsche und das in weitem Umweg auf der Weser und Hunte sechs Stunden fahrende Dampf­schiff zu bieten vermochten …

Mit dem Einzug der Locomotive in die freundliche Huntestadt werden auch wohl einzelne eng­herzige und klein­bürger­liche Anschau­ungen von der Gegen­wart und ihren Aufgaben verschwin­den. In der steten Ent­wicklung der natür­lichen Hilfs­quellen des Landes, wie im leich­teren gei­stigen Verkehr mit seinen Nachbarn und den deutschen Stammes­brüdern überhaupt wird der kernige, intelli­gente, frei­sinnig denkende Olden­burger Volksstamm neue Mittel finden, die ehren­werte Stellung, welche er in allen vater­län­dischen Angelegen­heiten immer einzunehmen gewußt hat, zu behaupten. So bieten denn wir Bewohner der Hanse­stadt Bremen ihnen unse­ren nachbar­lichen Gruß an dem heutigen bedeutungs­vollen Tage.


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